Was ist Poetry Slam? – Definition, Regeln, Geschichte & mehr

von | Dez 14, 2017 | Poetry-Slam-Wissen

Spätestens seit dem viralen Erfolg von Julia Engelmanns „One Day / reckoning“ vom Bielefelder Hörsaal Slam 2013 ist das Format Poetry Slam weitläufig bekannt und für viele eine willkommene Alternative zum Theater oder zur üblichen Wasserglas-Lesung. Trotzdem gehen nahezu immer noch ein paar Hände in die Luft, wenn die Moderatorin oder der Moderator zu Beginn fragt: „Wer war schon einmal bei einem Poetry Slam?“ Deswegen möchten wir an dieser Stelle einmal kurz erklären, was genau das eigentlich ist:

„Ein Poetry Slam ist ein moderner Dicherwettstreit, bei dem Menschen mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten.“

Glückliche Poetinnen & Poeten beim Finales des ersten U20-NRW-Slams in Essen

Foto: Der Fotowikinger

Definition: Was ist ein Poetry Slam?

Ein Poetry Slam ist eine Veranstaltungsform, bei der verschiedene Künstlerinnen und Künstler mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten. Oft wird auch von einem modernen Dichterwettstreit gesprochen – wobei der altbackene Klang womöglich falsche Erwartungen weckt. Denn tiefsinnige Lyrik ist bloß eine von vielen Facetten, die einem beim Slam erwartet. Von herzergreifenden Geschichten über charmant-witziges Storytelling mit Comedy-Touch bis hin zu salvenartigen Rap-Lyrics ist nahezu alles denkbar. Meist achten die Veranstalter auf eine ausgewogene Mischung, sodass es zu starken Stil- und Stimmungswechseln kommen kann. Ein Poetry Slam ist also immer auch ein bisschen Überraschungsei und alles andere als langweilig.

Die Regeln eines Poetry Slams

Der Abend beginnt normalerweise damit, dass die Moderatorin oder der Moderator das Publikum begrüßt und in aller Kürze die Regeln erklärt. Diese lauten:

  1. Die Texte müssen selbst geschrieben sein.
  2. Es gibt ein festes Zeitlimit (meist fünf oder sechs Minuten).
  3. Es dürfen keinerlei Requisiten oder Verkleidungen verwendet werden.
  4. Respect the poets!

Die letzte Regel geht ans Publikum und bedeutet, dass jeder der Poetry Slammerinnen oder Slammer ein gewisses Maß an Respekt und Wertschätzung für sein Antreten verdient – deswegen gehört es sich, die Künstler mit einem lautstarken Applaus zu begrüßen und während des Vortrags aufmerksam zuzuhören (oder zumindest still zu sein). Buh-Rufe sind absolut tabu. Wenn der Auftritt nicht gefällt, darf sich das anschließend gerne in einem verhaltenen Applaus und einer entsprechenden Bewertung widerspiegeln. Doch sollte dabei nicht vergessen werden, dass die Vortragssituation an sich schon Mut erfordert und dass jeder auf seine Weise zu einem runden Abend beiträgt.

Ein paar Eindrücke von den Essener Poetry Slams – Fotos: Der Fotowikinger

Ablauf, System & Wertung

Wie genau ein Poetry Slam abläuft, ist von Veranstalter zu Veranstalter unterschiedlich. Die größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass mehrere Personen gegeneinander antreten – in der Regel in ein oder zwei Vorrunden und einem Finale – und dass am Ende ein Sieger ermittelt wird. Ob es nun zehn Künstlerinnen und Künstler sind oder vielleicht auch nur vier, liegt ganz im Ermessen der Veranstalter. Oft ist es jedoch so, dass ein regelmäßig stattfindender Poetry Slam seinem einmal etablierten System über lange Zeit hinweg treu bleibt.

Ein typisches System ist das sogenannte „8 – 3“. Dabei treten in einer Vorrunde 8 Personen gegeneinander an, aus denen per Abstimmung drei Finalisten ermittelt werden. Diese messen sich anschließend noch einmal in einer Finalrunde, in der selbstverständlich andere Texte als in der Vorrunde gelesen werden. Manchmal gibt es auch noch ein Halbfinale, dann ist das System „8 – 4 – 2“ oder auch „6 – 4 – 2“ bei weniger Personen. Ebenso gibt es eine Variation mit Zweierduellen, aus denen jeweils einer weiterkommt – wie es zum Beispiel die „Weststadtstory“ in Essen macht. Das sind aber nur einige Beispiele von zahlreichen Möglichkeiten.

Die Abstimmung durch das Publikum erfolgt meist über Jurytafeln mit Punkten von 1 bis 10, die nach dem Zufallsprinzip unter den Zuschauern verteilt werden. Alternativ auch über Handzeichen aller anwesenden Gäste oder mittels Applaus – wobei der-/diejenige mit der aussagekräftigsten Lautstärke gewinnt. Die Applausabstimmung kommt häufig im Finale zum Zuge, wenn nur noch zwischen zwei oder drei Personen entschieden werden muss. Oder in der Vorrunde werden Kleingruppen gebildet, aus denen jeweils der Publikumsliebling ins Finale einzieht.

Punktewertungen oder Handzeichen werden meist direkt nach dem jeweiligen Vortrag eingeholt, die Bewertung mit Applaus sinnvoller Weise erst, nachdem das Publikum alle aus der betreffenden Gruppe gehört hat.

Übrigens:

Seit 2016 gehören deutschsprachige Poetry Slams zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO

Geschichte des Poetry Slam und Anfänge in Deutschland

Poetry Slam in seiner heutigen Form ist 1986 in Chicago entstanden. Als Begründer gilt der ehemalige Bauarbeiter Marc Kelly Smith, der mit Poetry Slam eine Alternative zu den üblichen Wasserglas-Lesungen schaffen wollte. In den kommenden Jahren fand das Format weltweite Verbreitung und fasste auch bald in Deutschland festen Fuß – lange Zeit als eher überschaubare Nischenszene, die von einer kleinen Gemeinschaft motivierter Künstlerinnen und Künstler getragen wurden. Inzwischen ist Poetry Slam aber alles andere als ein Geheimtipp. Jeden Monat finden im Deutschland viele hundert Veranstaltungen statt, teilweise sogar mit tausend und mehr Zuschauern. Und es gibt jedes Jahr sowohl die jeweiligen Landes- als auch die deutschsprachigen Meisterschaften, die sich zu großangelegten Festivals in wechselnden Städten entwickelt haben. Dort trifft dann die Créme de la Créme der Szene aufeinander, was sich wegen des hohen Text- und Performance-Niveaus als Zuschauer besonders lohnt.

Außerdem sind der Szene zugehörige Persönlichkeiten wie Marc-Uwe Kling, Sebastian 23, Tobi Katze oder Hazel Brugger in sämtlichen medialen Bereichen vertreten – in TV-Formaten, erfolgreichen Blogs, bei renommierten Verlagen, in der Musik und bei vielem mehr. Es ist also gar nicht so leicht, Poetry Slam aus dem Weg zu gehen. Wenn man es denn wollte …

Poetry Slam für zu Hause

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Wo finden Poetry Slams statt?

Die Frage müsste eigentlich eher lauten: Wo finden Poetry Slams nicht statt? Denn es gibt wohl kaum eine größere Stadt, in der nicht mindestens eine Veranstaltung im Monat stattfindet. Und auch in ländlichen Gegenden gibt es häufig in der Nähe irgendwo einen Slam – wenn nicht monatlich, dann zumindest viertel- oder halbjährlich. Meist lässt sich das über eine Google-Suche schnell herausfinden.

Die größte Dichte an Poetry Slams gibt es vor allem in Großstädten wie Berlin oder Hamburg, wo man nahezu täglich zu einer Veranstaltung gehen kann. Aber auch Ballungsräume wie das Ruhrgebiet haben eine große Vielfalt zu bieten. Allein schon bei uns in Essen gibt es vier monatliche und einen zweimonatlichen Poetry Slam. Unter Termine oder über unsere Facebook-Seite findest du alle wichtigen Infos.

Auf der Karte findest du die Standorte der Essener Poetry Slams.
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Hast du vielleicht selbst Lust bekommen, mal bei einem Poetry Slam aufzutreten? Meld dich einfach mit einer netten Nachricht bei den jeweiligen Veranstaltern vor Ort – die Kontaktdaten für Essen findest du unter Poetry Slams bei den jeweiligen Beschreibungen unserer Slams.
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