Na na nana na – über die Crux mit Live-Literatur in Büchern

Feb 24, 2021 | Zwischenrufe aus dem Backstage

Ein Beitrag von Micha-El Goehre    |   Foto: Prostock-studio – envato elements

Na, heute schon das Drehbuch vom letzten Transformers-Film reingezogen? Oder ein Libretto von Thirty Seconds to Mars? Wartet ihr auch schon so gespannt auf das neue Buch mit den „Song“-Texten von Capital Bra? Und wer ist nicht auch heiß auf den Bildband „Alle Farben“ vom Lumpenpack, in dem jede Seite eine andere Colorierung hat und man sein Konfetti selber ausstanzen kann?

Niemand?

„Ein Buch will mit Genuss gelesen werden …“

Nun ja, nachvollziehbar. Roboterkloppe braucht ihr CGI, Thirty Seconds to Mars brauchen ihre Mucke und Capital Bra braucht seinen Pausenhof an der Hauptschule, sonst ist das alles nix Richtiges. Und Konfetti ohne die Lumpis sind nur Papierschnipsel.

Niemand halbwegs Vernünftiges käme auf die Idee, solche Bücher zu veröffentlichen. Klar, Vernunft ist heuer in Deutschland ein bisschen schwerer aufzutreiben als Klopapier im letzten Frühling. Und ebenso klar, dass unfassbarer Mist in die Regale der paar noch vorhandenen Buchhandlungen gewuchtet wird. Aber es gibt auch Grenzen.

Ein Buch will mit Genuss gelesen werden oder zumindest mit Informationsgehalt oder im Falle von Dieter Bohlen oder E. L. James aus purem Masochismus.

Lust bekommen auf Konfetti & Lumpenpack?

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Live-Literatur – eine andere Welt mit anderen Regeln

Und da kollidiert die Realität gerne mal mit der Vorstellungswelt von Poetry Slammer:innen. Slam ist ein Moment. Das sind die fünf bis sechs Minuten, in denen wir im Rampenlicht stehen, lieben, leiden, kämpfen, verzweifeln, verlachen, amüsieren oder uns einfach mal komplett zum Obst machen. Wir behaupten gerne mal, wir würden Literatur produzieren, und vergessen dabei oft den Zusatz „Live“. Eine der Lektionen, die man schnell lernt: Nicht alles, was man so im stillen Kämmerlein produziert und was sich auf dem Papier gut macht, funktioniert auch beim Vortrag auf den Brettern, die den Slam bedeuten. Beim Radio nennt man das „Schreiben fürs Lesen“, im Sinne von Vorlesen. Man darf sich zum Beispiel nicht in Bandwurmsätzen verlieren und muss deutlich schneller zum Punkt kommen, sowohl inhaltlich als auch in der Interpunktion. Punkt. Dafür darf man aber auch z. B. mehr Wiederholungen einbauen, ähnlich einem Refrain in einem Popsong. Was in Buchform eher nervt, fräst den Text live schneller in die Hirnwindungen des Publikums. So eignet man sich recht fix an, seine Texte so zu schreiben, dass sie für einen Vortrag geeignet sind. Das schließt auch das immer wieder gerne benutzte vorangestellte Personalpronomen mit ein, dem dann nach einer Kunstpause der Rest des Satzes folgt.

Ich …

… tanze zum Beat der Großstadt,

wir …

… sind frei wie Vögel.

 

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Kunst als Wunsch nach Unsterblichkeit – Bücher statt Pyramiden

Albern. Und niemand würde normalerweise so sprechen oder lesen. Aber es hat sich so etabliert und gehört dazu.

Es wird oft und gerne mit Rhythmik gearbeitet, Tempo gemacht, auch mal inhaltlicher Schmarrn mit Effekt übertüncht. So ist Slam und so rockt das die Hütte.

Aber eben nur für die paar Minuten on stage. Ist der Abgangsapplaus verklungen, glüht in den meisten der Wunsch nach mehr. Nur wenigen ist es gegeben, ihrer Kunst zu gestatten, nur für den Moment zu existieren. Die Königsklasse ist der Freestyle, der einmal ausgespuckt und abgefeiert für immer verloren ist, sofern nicht mitgeschnitten oder -geschrieben wurde. Da kann der geilste Scheiß bei rauskommen, weg ist weg. Ich finde so etwas wirklich bewundernswert, denn es ist meiner Meinung nach die reinste Kunst. Nämlich Kunst um der Kunst willen.

Aber für die meisten von uns – mich eingeschlossen – ist Kunst auch der Wunsch nach ein bisschen Unsterblichkeit. Selbst beinharten Pragmatikern macht der Gedanke an das eigene Ableben mit anschließender Verkompostierung in verwesungsarmen Böden zu schaffen. Man will etwas hinterlassen, etwas, das über den eigenen letzten Tag hinausgeht. Natürlich sind da Kinder immer eine nette Methode, aber die machen die ersten achtzehn Jahre fast nur Trouble und danach ihr eigenes Ding. Undankbares Gezücht. Aber wenn man etwas erschafft, das Bestand hat, beruhigt sowas das Ego ungemein. Nun kann nicht jeder Pyramiden bauen, seit die Grundstückspreise explodieren wie ein russisches AKW. Oder den Herrn der Ringe verfilmen.

Aber: „Nichts liest sich so beschissen wie Slam-Texte.“

Eine einfachere Variante ist es da, ein Buch zu schreiben. Bücher haben etwas beruhigend Beständiges. Es sei denn, die AfD kommt an die Macht – dann sind Bücher primär Brennstoff. Aber solange das nicht der Fall ist, hat man immer das Gefühl, ein Buch würde ewig durch die Regale der Bibliotheken mäandern. Das ist natürlich Quatsch, aber die Vorstellung zählt.

Und so keimt in vielen Slammer:innen ziemlich schnell der Wunsch auf, ihre Werke zwischen zwei Buchdeckel zu drucken. Und da liegt der Hase im Pfeffer bzw. ein Klumpen Tofu im Salat: Nichts liest sich so beschissen wie Slamtexte. Ganz ehrlich, macht keinen Spaß. Ich hab schon AGBs komplett durchgelesen, die peppiger waren.

Klar kaufen die Zuschauer:innen gerne mal im Eifer des Gefechts eines schönen Abends auch das eine oder andere Druckerzeugnis weg. Aber aus vielen persönlichen Gesprächen weiß ich, dass es da mehr um Anerkennung für den Slammer bzw. die Slammerin geht und dass das Buch zu Hause ungelesen direkt ins Regal wandert. Oder in die Klobibliothek zum Angeben, wenn man mal Gäste hat. Oder direkt eingepackt und als Weihnachtsgeschenk an die ungeliebte Verwandtschaft verklappt wird. Das ist ja auch okay. Aber nicht im Sinne des Erfinders.

 

Was genau ist eigentlich Poetry Slam? Das erfährst du in unserer Zusammenfassung:

Live-Literatur – ein einmaliges Erlebnis, das wir erhalten müssen

Aber ich kann es verstehen. Ich habe mich durch genug Textsammlungen der lieben Kolleg:innen gearbeitet und meist war mein Gedanke, dass es doch schöner wäre, wenn sie es mir direkt vortragen würden. Aber da eine Lesung nachts um zwei auf dem Klo meist eher schwierig ist, bleibt euch als Rezipienten für das echte Erlebnis nur der Gang zum real deal, zum Slam. Denn echte Live-Literatur funktioniert nur auf der Bühne, das kann keine CD, kein Video und erst recht kein Buch einfangen. All das im Rampenlicht stehen, lieben, leiden, kämpfen, verzweifeln, verlachen, amüsieren oder einfach mal komplett zum Obst machen, muss man erleben. Und dann ist es vorbei, aber etwas davon bleibt in euch. Ein einmaliger Moment, so wertvoll wie ein kleines Steak. Oder ein Stück superteurer Tofu.

Erhalten wir unsere Live-Kultur. Erhalten wir unsere Bühnen, Kneipen und Spielstätten, sonst sind diese tausenden Momente vorbei, bevor sie überhaupt stattfinden durften.

Denn um es zum Schluss mit den großen Philosophen Opus aus der Steiermark zu sagen:

Na na nana na, live

na na nana na, live is life,

na na nana na,

lapadapbap live.

Live is life – when the feeling of the people

is the feeling of the band.

When we all give the power

We all give the best . . .

Then it’s live.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. Kauft meine Bücher!

 

Zum Autor: Wer ist eigentlich Micha-El Goehre?

Micha gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Poetry Slammern und ist seit 2002 auf Bühnen unterwegs. Er hat zahlreiche Slams gewonnen, ist zweifacher Essener Stadtmeister und hat 10 Bücher geschrieben. Darunter die Coming-of-Age-Roman-Trilogie „Jungsmusik“, die vor allem in der Metal-Szene großen Anklang findet.
Falls du ihn noch nicht kennst, komm zu einer seiner Shows. Oder hol ihn direkt für ein Wohnzimmerkonzert >> zu dir nach Hause.

Bücher von Micha-El Goehre

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Letzte Aktualisierung am 30.07.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API