Macht Corona Poetry Slam kaputt?

Aug 3, 2020 | Zwischenrufe aus dem Backstage

Ein Beitrag von Micha-El Goehre

Die Räder im Betrieb „Poetry Slam“ stehen nun schon seit geraumer Zeit still. Schuld daran ist ein leicht übertragbarer und etwa 60 bis 160 Nanometer kleiner Spaßverderber namens Covid -19. Die „19“ deutet es schon an: Sequels sind immer eine Scheiß-Idee

Die Kulturszene trotzt Corona – aber es ist mühsam & finanziell undankbar.

Dass der Kulturbetrieb deswegen bis zur Nullkurve runtergeschraubt wurde, ist bekannt. Es ist Ende Juli, da ich diese Zeilen schreibe, und so langsam werden Theatersäle, Kinos und Veranstaltungsräume wieder geöffnet. Allerdings unter strengen Auflagen, die vielerorts kaum ein wirtschaftliches Arbeiten ermöglichen. Die laufenden Kosten für Spielstätten ändern sich nun mal nicht. Wartung, Miete, Strom, Heizung – all das fällt nicht weg, nur weil eine verkackte Krankheit umgeht. Und obwohl vielerorts nicht mal die Hälfte der üblichen (und notwendigen) Zuschauer*innen zugelassen sind, sinken die Personalkosten nicht. Sondern man muss im Gegenteil sogar mehr einstellen, um die Hygienevorschriften einzuhalten. Von einer Entspannung kann also nicht die Rede sein. Und Alternativen wie Streams und Autokinos sind finanziell auch keine Auffangbecken. Für Onlineangebote sind die wenigsten bereit, „Eintritt“ zu zahlen. Und vergessen dabei gerne mal, was für ein Aufwand hinter einer guten Produktion steht. Und eine Show in einem Autokino geht (auch ohne Gagen für die Künstler*innen) bei den Produktionskosten ohne Probleme in den drei- bis vierstelligen Bereich. Wenn dann da hundert Autos stehen, könnt ihr euch selbst ausrechnen, dass man mit dem Eintritt keinesfalls die Kosten wieder hereinbekommt.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist es also völliger Schwachsinn, zum jetzigen Zeitpunkt zu veranstalten. Wir machen es trotzdem. Um unserer Leidenschaft für die Bühne nachzukommen. Um nicht in Vergessenheit zu geraten. Um nicht in der lähmenden Lethargie zu versinken.

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Warum die Poetry-Slam-Szene ein Sonderfall ist …

Nun gibt es verschiedene Ansätze, wie die einzelnen Bereiche der Kultur versuchen, über die Krise hinwegzukommen. Die klassischen Theater und Orchester z. B. sind relativ safe, da sie auch im Normalfall schon größtenteils aus öffentlichen Fördergeldern finanziert werden. Einnahmen aus dem Eintritt spielen da eher eine untergeordnete Rolle. Diskotheken und Clubs verwandeln nach Möglichkeit ihre Räumlichkeiten und Außenbereiche in Kneipen und Biergärten, bieten Sitzveranstaltungen oder Dinner an oder stellen die Fläche für Pop-up-Stores. Große Festivals bieten Streaming-Events an und versuchen ansonsten, mit speziellem Merchandise ihre Verluste zumindest etwas auszugleichen. Und müssen ansonsten hoffen, dass ihre Versicherungen greifen.

Die Poetry-Slam-Szene ist hier ein besonderer Fall. Es gibt keinen Dachverband, die Veranstalter*innen sind entweder Einzelpersonen oder sehr kleine Vereine oder Firmen. Man ist also ziemlich auf sich allein gestellt. Zwar sind wir in der Szene stark verknüpft und solidarisch, aber es gibt keine gemeinsame Infrastruktur. So sind diejenigen, die für das Veranstalten von Slams verantwortlich sind, darauf angewiesen, dass sie genug Rücklagen haben, um die Durststrecke zu überstehen. Die staatliche Hilfe hält sich doch arg in Grenzen und ansonsten gibt es kaum Möglichkeiten, um Einnahmen zu generieren. Streams erreichen bei Weitem nicht die Klickzahlen, die ein Wacken Open Air schaffen kann, Workshops sind übers Web eher schwierig und es ist wenig üblich, Merchandise anzubieten. Und wie gesagt, wenn man wieder veranstalten darf, ist es kaum rentabel und man trägt zudem das Risiko, dass sich die Rahmenbedingungen kurzfristig ändern. Steht die Bühne zu nah an einer Fleischfabrik, zack, wird die genehmigte Veranstaltung zwei Tage vor dem Termin behördlicherseits abgesagt. Was man vorab in Orga, Werbung usw. investiert hat, ist futsch.

Und wie sieht es bei den Poetry Slammer*innen aus?

Die Poet*innen selber sind über den Daumen gepeilt zu 85 % nicht finanziell davon abhängig. Die meisten sehen Slam als Hobby, das mal mehr, mal weniger intensiv betrieben wird. Aber höchstens als Bafög-Aufstockung eine Rolle im Portemonnaie spielt. Das tut weh, ist aber nicht existenzbedrohend. Umso härter trifft es die Intensivtäter*innen. Wer von Slam lebt, ist nicht selten zweihundert Tage im Jahr auf Achse. Da bleibt keine Zeit, um nebenher einen Job zu machen, der in Krisenzeiten als Puffer dient. Leider ist es inzwischen auch so, dass die einst noch einträglichen Nebenjobs wie z. B. das Schreiben von Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften heutzutage kaum noch vernünftig entlohnt werden. Trinkt man beim Schreiben eines zweiseitigen Essays einen Kaffee, ist man schon im Minus.

Mir sind bereits einige Poet*innen bekannt, denen nichts anderes übrig geblieben ist, als Hartz 4 zu beantragen. Andere haben mehr Glück und können ins „reguläre“ Berufsleben einsteigen. Allerdings ist es dann nicht mehr so ganz einfach, in ein, zwei Jahren wieder on the road zu gehen, wie man es vorher getan hat. Man kann eine selbstständige Tätigkeit nicht über so lange Zeit auf Eis legen und danach weitermachen, als wäre nichts gewesen. Sowohl emotional als auch von der Infrastruktur her ist es ein Gewaltakt.

 

 

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Wie wird sich nun Corona auf die Poetry Slam auswirken? Was bleibt von der Szene übrig?

Poetry Slam wird nicht verschwinden, so viel ist sicher. Aber viele Hobby-Autor*innen werden mit ziemlicher Sicherheit den Anschluss, die Lust, den Elan verlieren. Es wird ein riesiges Nachwuchsloch geben, da während Corona so gut wie keine Workshops stattfinden dürfen. Worüber sonst die meisten neuen Poet*innen akquiriert werden. Der U20-Bereich wird titanische Anstrengungen für den Neustart unternehmen müssen. Viele zuvor professionelle Slammer*innen werden sich in der Krise anderweitig orientieren, schlichtweg um nicht auf der Straße zu landen. Ob sie einen Reboot schaffen oder wagen, sei dahingestellt. Die Frustration, nach jahrelangem Aufbau der eigenen Marke quasi wieder bei Null anfangen zu müssen, ist hoch. Das Publikum vergisst leider schnell in den heutigen Zeiten. Künstler*innen sind im 21. Jahrhundert wie Hochsee-Haie: Wenn sie nicht ständig schwimmen, sterben sie.

Und last but not least werden Slams verschwinden. Sei es, weil die Organisator*innen die Krise finanziell nicht überstanden haben oder die Locations. Viele Bühnen werden schließen müssen oder auf lange Sicht nur Veranstaltungen machen (können), bei denen sie sicher auf ihre Kosten kommen. Es ist kein großes Geheimnis, dass eine Konzerthalle oder ein Club am meisten vom Getränkeumsatz lebt. Und der ist nun mal auf einer Trashpop-Party höher als auf einer Kulturveranstaltung.

Und das ist nur das momentane Szenario. Sollte es dank Egomanie, Ballermann-Tourismus und Schlachthaus-Superspreading zu einer zweiten Welle kommen, die man nur mit einem erneuten Lockdown in den Griff kriegt, wird das die deutsche Kulturszene auf lange Jahre hinaus fast vollständig zerstören. Also tragt bitte eure Masken, haltet Abstand, tralala. Ihr kennt das Lied, also singt es mit.

Zum Schluss ein wenig Hoffnung – dank & mit euch!

Aber Schluss mit der Schwarzmalerei. Im Idealfall werden sich die Dinge zum Ende des Jahres hin normalisieren. Und auch wenn wir 2021 auch noch mit ziemlicher Sicherheit Einschränkungen hinnehmen müssen, können wir es packen als Szene. Mit euch, unserem Publikum.

Was könnt ihr tun, damit es weitergeht? Vielleicht mal an der Abendkasse einen Fünfer extra zahlen. Die Büchertische leerkaufen. Nutzt Streams und die Möglichkeit, auch dafür einen angemessenen Salär zu entrichten. Vielleicht mal beim Slam eine Mate oder ein Bier mehr trinken, damit auch der Laden was von der Veranstaltung hat.

Und vor allem: Klatschen. Lachen. Jubeln. Weinen.

Denn dann wissen wir auf der Bühne, dass der Kampf sich lohnt.

Wie es aktuell in Essen aussieht mit Poetry Slams und Corona, erfährst du übrigens in unserer FAQ >>.

 

Zum Autor: Wer ist eigentlich Micha-El Goehre?

Micha gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Poetry Slammern und ist seit 2002 auf Bühnen unterwegs. Er hat zahlreiche Slams gewonnen, ist zweifacher Essener Stadtmeister und hat 10 Bücher geschrieben. Darunter die Coming-of-Age-Roman-Trilogie „Jungsmusik“, die vor allem in der Metal-Szene großen Anklang findet.

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Letzte Aktualisierung am 21.09.2020 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API