Zu Fuß zur Show – entspanntes Tourleben im Ruhrgebiet?

Sep 26, 2020 | Zwischenrufe aus dem Backstage

Ein Beitrag von Micha-El Goehre    |   Foto: Der Fotowikinger

Einer der Gründe für mich, vom beschaulich-kartoffeligen Ostwestfalen in den Moloch Ruhrgebiet zu ziehen, war das erkleckliche Angebot an Konzerten, die Otto- und Anna-Normalverbraucher:in als akustisches Äquivalent zum atomaren Erstschlag ansehen würden. Doch noch viel wichtiger war die Möglichkeit, in verschiedensten Städten, Orten und Locations aufzutreten, ohne dass es jedes Mal zu einer kleinen Deutschlandreise ausartet. Denn das ist manchmal ganz schön praktisch.

Das Tour-Leben ist wirklich schön – mit vielen Vorzügen …

Ich bin gerne auf Tour, keine Frage. Ich liebe es auch, stundenlang im Zug zu sitzen und dabei zu schreiben, Musik zu hören oder aus dem Fenster zu sehen. Ich bin gerne in Hotels, die mir mitunter einen Lebensstandard vorführen, den ich sonst nicht erreichen werde. Es sei denn, ich wechsele vom Kunstfach in lukrativere Bereiche wie Korruption, Umweltverschmutzung oder Menschen ausbeuten. Ich hätte nie erfahren, dass es Duschen gibt, bei denen man einen sich drehenden Massagestrahl einstellen kann (Der Hammer! Kopfhaut und Rücken jubilieren!) oder das Wasser einfach per Knopfdruck an- und ausmachen und die Temperatur EXAKT einstellen kann. Wie geil ist es bitte, sich morgens das Frühstück fertig machen zu lassen? Ich sag nur: Rührei mit der Option verschiedener Beilagen. Und vom Swimmingpool mal ganz abgesehen.

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… und wunderschönen Entdeckungen. Aber auch anstrengend.

Aber auch abseits des manchmal dekadenten Lifestyles macht es Spaß, on the road zu sein. Wenn Zeit für Sightseeing ist, kannst du wunderschöne Städte entdecken. Gerne erinnere ich mich an das tiefverschneite Chur in der Schweiz. Ein Tag in einer Mischung aus Heidi und Photoshop. Es war so schön, dass es schon unrealistisch wirkte. Und dann abends das Auftreten: Ein Publikum, das einen entweder noch gar nicht kennt oder sich schon lange auf den Auftritt mit Seltenheitswert gefreut hat. Das alles ist toll, aber auch anstrengend. Auf Achse zu sein schlaucht, vor allem wenn es jeden Tag in eine andere Stadt geht. Und letzten Endes ist es immer schön, im eigenen Bettchen zu schlafen. Aus dem man nicht in aller Herrsatansfrühe rausgeklopft wird, weil das Servicepersonal das riesige rote „Nicht stören“-Schild am Türknauf eher als Empfehlung sieht.

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Zu Fuß zur Show ist es wesentlich entspannter – fast zu entspannt.

Daher finde ich es schon ganz nice, im melting pot Ruhrgebiet zu leben. Viele Auftrittsmöglichkeiten liegen quasi in Katzen- bis Hundesprungweite. Aber es gibt auch einen seltsamen Aspekt dabei, der mir auffiel, als ich neulich zu einer Lesung unseres Slam-Teams KEIN & ADEL zur Essener Weststadthalle tapperte. Die Location ist so nah an meiner Wohnstatt, dass sich das Besteigen eines Busses oder der Straßenbahn ob der Nutzlosigkeit verbietet. Das ist einerseits cool, weil es die Sache einfacher macht. So einfach, dass man noch mal kurz heimlaufen kann, wenn man was vergessen hat. Aber es nimmt mir auch einen Aspekt, den ich auf der Bühne brauche: die Aufregung.

Ich bin niemand, der besonders Lampenfieber hat. Das ist bisweilen etwas unpraktisch, denn nichts ist schlechter für einen guten Vortrag als zu viel Entspanntheit. Daher pushe ich mich vorher immer künstlich, damit ich dann zumindest im gewissen Rahmen „on fire“ bin. Das brauchst du meiner Meinung nach für eine Perfomance, die den Zuschauer:innen das Gefühl gibt, dass da jemand nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter dem steht, was er oder sie da zum Besten gibt. Selbst Comedians, deren Rollen extremste Entspanntheit suggerieren, brauchen dieses Feuer. Ansonsten kommt da nur jemand auf die Bühne, reißt sein Programm runter und geht wieder – und niemand ist glücklich damit. Wo kein Feuer ist, kann auch kein Funke überspringen.

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Sich auf der Bühne wie zu Hause fühlen, hat seine Vor- und Nachteile.

Deswegen sind Auftritte in unmittelbarer Nähe seltsam. Man kennt die Location in- und auswendig, der Weg zum Auftritt ist der gleiche wie zum Einkaufen und die Gesichter sieht man auch ständig, sowohl die der Crew als auch im Auditorium. Man liest quasi im eigenen Wohnzimmer. Da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht auch so benimmt.

Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich bin an solchen Abenden froh, wenn das Publikum das Gefühl hatte, dass es etwas Besonderes für mich und für sie war. Dann hab ich meinen Job gemacht. Und anschließend kann ich nicht nur im eigenen Bettchen schlafen, sondern mehr oder weniger direkt von der Bühne hineinfallen. Und in aller Herrsatansfrühe werde ich dann geweckt. Vom Paketboten, der mir Zalandomüll für den Nachbarn aufs Auge drückt. So ist es, das Rockstar-Leben.

Zum Autor: Wer ist eigentlich Micha-El Goehre?

Micha gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Poetry Slammern und ist seit 2002 auf Bühnen unterwegs. Er hat zahlreiche Slams gewonnen, ist zweifacher Essener Stadtmeister und hat 10 Bücher geschrieben. Darunter die Coming-of-Age-Roman-Trilogie „Jungsmusik“, die vor allem in der Metal-Szene großen Anklang findet.
Falls du ihn noch nicht kennst, komm zu einer seiner Shows. Oder hol ihn direkt für ein Wohnzimmerkonzert >> zu dir nach Hause.

Bücher von Micha-El Goehre

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